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Von der schönsten Nacht zum härtesten Tag

Zeitraum: 26. Juni - 05. Juli 2023   Distanz: 138 sm

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Geplant war der Aufbruch von Lauterhorn auf Fårö in Richtung Festland für den Morgen des 27. Juni. Der Wettercheck am Vorabend sprach eine andere Sprache: guter Wind in der Nacht, Flaute am nächsten Tag. Also entschieden wir uns spontan um und legten bereits um 20:50 Uhr ab. Wir wurden mit einer wunderschönen Segelnacht bei gutem stabilem Wind und einem herrlichen Sonnenaufgang belohnt. Erst gegen 9:00 Uhr am Morgen mussten die Segel runter und der Motor ran.

Während der Überfahrt meldete sich allerdings ein Problem zurück, das wir schon kannten – und das wir eigentlich nicht mehr brauchen konnten. Der zweite Autopilot fiel nun ebenfalls regelmäßig aus. Der erste war bereits seit Beginn der Reise dauerhaft außer Gefecht. Ohne funktionierenden Autopiloten war klar: Wir brauchen zeitnah eine Lösung. Gryt’s Varv lag in Reichweite, also machten wir dort kurz vor Mittag fest.

Die Ernüchterung folgte schnell. In Schweden hatte die Ferienzeit begonnen und so war die Werft nur mit einer kleinen Mannschaft besetzt und Hilfe für uns nicht möglich. Wir nahmen Kontakt zu Jefa auf, dem Hersteller unseres Steuerungssystems. Die Ferndiagnose war eindeutig: Die Magneten der Kupplung waren altersbedingt zu schwach geworden und mussten ersetzt werden. Die Ersatzteile sollten an den Hafenmeister der Wasa-Marina in Stockholm geschickt werden. Ein Plan, aber keiner für sofort.

Gryt’s Varv hatte trotzdem ihre guten Seiten. Zum ersten Mal testeten wir unser neues Dinghy. Mit 20 PS über das Wasser zu den umliegenden Inseln zu düsen, machte irre viel Spaß.

Auf dem Werftgelände lag eine große Segelyacht an Land. Der Bootsmann erzählte uns, was passiert war: In den Schären war die Yacht auf einen Stein gelaufen, und der geschraubte Kiel so stark beschädigt, dass Wasser eindrang. Ein Reparaturversuch von außen war gescheitert. Nun mussten Mast und Motor raus, um Kielflansch und Kielbolzen von innen zu erreichen. Arbeit für Monate. Ein lehrreicher Fall – auch Profiskipper sind vor folgenreichen Navigationsfehlern nicht gefeit. Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir noch nichts.

Da wir auf der Werft nicht weiterkamen, tauschten wir den Liegeplatz gegen eine nahegelegene Ankerbucht. Zum ersten Mal in diesem Sommer gingen wir in der Ostsee baden und genossen die erfrischende Abwechslung.

Am Vormittag des 29. Juni brachen wir Richtung Harstena auf. Die Bucht dort – ebenso wie die Nachbarbucht – war für uns zu klein. Neues Ziel: eine SXK-Boje im Naturreservat Missjö. Wir hielten Ausschau und fanden keine. Bei der Suche fuhren wir weiter, zu nah ans Ufer, jenseits des Fahrwassers. Dann kam der Stoß. Für einen Augenblick war es still und wir waren total geschockt.

Anori ließ sich weder vor- noch rückwärts bewegen. Wir saßen auf einem Stein! Vorbeifahrende Boote boten Hilfe an, aber es gab nichts, was sie sinnvoll hätten tun können. Sie blieben immerhin in der Nähe bis es uns mit dem Bugstrahlruder gelang, uns seitlich vom Stein herunterzudrehen. Wir schwammen wieder – allerdings mitten zwischen weiteren Felsen. Unter Wasser war nichts zu erkennen. Auf der Suche nach freiem Wasser stießen wir mit dem Kiel noch mehrere Male an. Irgendwann hatten wir es geschafft und waren frei.

In sicherem Gewässer ankerten wir sofort und überprüften das Boot. Innen gab es keine sichtbaren Schäden. Mit Taucherbrille und Flossen gingen wir ins Wasser. Ruder, Propeller und Welle wirkten unversehrt, auch beim Manövrieren hatte es keine Auffälligkeiten gegeben. Den Kiel konnten wir wegen der durch Algen getrübten Sicht nicht beurteilen. Wir selbst hatten Abschürfungen und große blaue Flecken vom Aufprall: Klaus an den Schienbeinen vom Steuerrad, Birgit an der Hüfte vom Dodger.

Wir fuhren weiter zur Insel Risö und ankerten in der Bucht Verholmen. Dort blieben wir einige Tage, um den Schock zu verarbeiten und über das weitere Vorgehen nachzudenken. Wir unternahmen Dinghy-Ausflüge, erledigten Wartungsarbeiten – und stellten fest, dass mehrere Batterien ersetzt werden mussten. Wir brauchten also einen Ort mit Infrastruktur und der Möglichkeit, Anori gründlicher zu untersuchen und Batterien zu kaufen. Die Wahl fiel auf Nyköping, wo wir am Nachmittag des 2. Juli festmachten.

Dort kauften wir vier neue Batterien welche um 15:00 Uhr zum Boot geliefert wurden. Geplant war ein einfacher 1:1-Tausch. Tatsächlich bauten wir bis Mitternacht das gesamte Batteriegestell um, weil die neuen Batterien ein klein wenig anders geformt waren.

Ein Taucher des örtlichen Tauchvereins untersuchte und filmte den Kiel und das gesamte Unterwasserschiff, ohne gravierende Schäden zu finden. Der Kiel hatte einige tiefe Schrammen und am hinteren Ende war ein kleines Stück herausgebrochen. Wir informierten die Versicherung und reichten auf Basis der bisherigen Erkenntnisse eine Schadensmeldung ein. In dieser Situation hat es sich ausgezahlt, dass Anori sehr solide aus Aluminium gebaut ist, einen geschweißten Kiel hat und die Kielsohle aus einer 20mm Aluminiumplatte besteht.

Die beiden folgenden Tage gehörten der Erholung: eine Runde Golf im Nyköping GK sowie ein ausgedehnter Stadtbummel mit Besichtigung des Nyköpinghus und später eine Radtour.

Am Nachmittag vor unserer Abreise fand im Hafen direkt vor unserem Boot ein großes Oldtimer-Treffen statt. Ein unerwarteter und interessanter Abschluss – bevor es am folgenden Tag weiterging.

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